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Auferstehung für Skeptiker. Wie kann man das Unglaubliche glauben?

„Alles gelogen!“ So lautete der Lieblingsspruch meines Vaters. Das galt sowohl für die Reden von Politikern als auch für den Austausch mit Nachbarn: „Alles gelogen!“ Wenn alles, was Sie hören, mit diesen Worten kommentiert wird, haben Sie gute Chancen, ein misstrauischer, skeptischer Mensch zu werden. Und das bin ich geworden.

Als Student der Alten Geschichte änderte sich mein Leben. Ich wurde Christ, weil ich von der Auferstehung von Jesus überzeugt war. Diese Überzeugung führte mein Leben in eine neue Richtung. Bei dieser Überzeugung bin ich geblieben auch in den schweren Tagen meines Lebens, zum Beispiel als meine erste Frau und unser Sohn bei einem Autounfall ums Leben kamen.

Wie ist es zu dieser Überzeugung gekommen? 

In der Oberstufe des Gymnasiums erhielt ich einen neuen Banknachbarn, der  war Christ. Er sagte zu mir: „Jesus Christus ist von den Toten auferstanden.“ Das verblüffte und interessierte mich. Ich begann, das Neue Testament zu lesen. Während meines Studiums der Alten Geschichte in München beschäftigte ich mich intensiv mit der Auferstehung von Jesus aus historischer Sicht. Was ich dabei herausgefunden habe, will ich kurz darstellen.

Die Auferstehung von Jesus ist der Grund des christlichen Glaubens (1. Korinther 15,14) und die Grundlage der christlichen Hoffnung (1. Petrus 1,3). Einmal im Jahr – Ostern – denken die Christen in besonderer Weise an die Auferstehung von Jesus,  und weltweit feiern die meisten Christen ihre Gottesdienste sonntags, dem Tag der Auferstehung. Im Russischen sind „Sonntag“ und „Auferstehung“ das gleiche Wort.

Die Verfasser des Neuen Testaments waren an Geschichte interessiert. Deshalb finden sich in den Evangelien und der Apostelgeschichte andere bekannte Personen der damaligen Zeitgeschichte wieder. Sogar im christlichen Glaubensbekenntnis kommt der römische Statthalter von Judäa Pontius Pilatus (26–36) neben Jesus und Maria vor:

 „ … gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt …“ Damit wollten die Christen damals ausdrücken, dass die im Glaubensbekenntnis genannten Ereignisse aus dem Leben von Jesus nicht irgendwann und irgendwo stattgefunden haben, sondern zur Zeit des Pontius Pilatus. Jesus ist datierbar und lokalisierbar. 

Was können Historiker über die Auferstehung von Jesus aussagen?
Historiker arbeiten nicht wie Naturwissenschaftler (es geht bei ihnen ja nicht um Wiederholbarkeit und Prognosefähigkeit), sondern wie Juristen: sie rekonstruieren vergangene Ereignisse auf Grund von Indizien. Sie führen Indizienprozesse.

Indizien müssen bewertet werden. Menschen bewerten Indizien unterschiedlich. Das kann man manchmal vor Gericht erleben: Es kommt vor, dass ein Gericht in einem neuen Prozess zu einem anderen Urteil kommt als das vorherige Gericht, obwohl keine neuen Indizien vorliegen, aber die Indizien werden jetzt anders bewertet.

Woran liegt die unterschiedliche Bewertung? Sie kann an der Lebenserfahrung oder an der Berufserfahrung liegen. Manchmal liegt eine unterschiedliche Bewertung aber auch an der weltanschaulichen Voraussetzung eines Menschen. Gerade beim Thema „Auferstehung von Jesus“ kann sie eine entscheidende Rolle spielen. Nach dem Zeugnis des Neuen Testaments war die Auferstehung von Jesus ein Handeln Gottes in der Geschichte. Wer nun auf Grund seiner weltanschaulichen Voraussetzung glaubt, dass es gar keinen Gott gibt, wird Indizien im Zusammenhang der Auferstehung von Jesus anders bewerten als ein Historiker, der die Existenz Gottes für möglich oder sogar für wahrscheinlich hält.

Welche Quellen und Indizien über Jesus gibt es?
Die wichtigsten Quellen über das Leben, den Tod und die Auferstehung von Jesus finden sich in den Texten, die im Neuen Testament zusammengefasst sind. Die Evangelien und die Apostelgeschichte wurden wenige Jahrzehnte nach den Ereignissen in der Form verfasst wie sie heute vorliegen und gehen auf Augenzeugen zurück. Wertvoll sind für uns die einführenden Worte von Lukas zu Beginn seines Evangeliums (Lukas 1, 1–4). Dort beschreibt er seine Vorgehensweise und Absicht.

Es gibt nur wenig Material außerhalb des Neuen Testaments, das für Historiker bedeutungsvoll ist. Am bekanntesten ist eine Stelle des römischen Historikers Tacitus, der um 115 (also einige Jahrzehnte später als die Autoren der Evangelien) über die Christen schrieb: „Ihr Name geht zurück auf Jesus Christus, der zur Zeit des Kaisers Tiberius unter dem Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet wurde.“ (Annalen XV 44), was mit den Aussagen der Evangelien übereinstimmt.

Kommen wir zur Auferstehung. Mit welchen Indizien muss man sich als Historiker beschäftigen, wenn man nicht aus weltanschaulichen Gründen negativ voreingenommen ist?

1. Das leere Grab
Das leere Grab wird in allen Evangelien erwähnt und wurde in der Antike nicht bestritten. Eine Verkündigung der Auferstehung wäre in Jerusalem nicht möglich gewesen, wenn das Grab nicht leer gewesen wäre. Die Frage ist allerdings: Wie ist das Grab leer geworden? Schon in Matthäus 28,13 behaupten die, die an der Auferstehung zweifelten, dass der Leichnam gestohlen wurde. Leichenraub ist eine mögliche Erklärung für ein leeres Grab. Der Vorwurf des Leichenraubs ist aber auch ein Beleg dafür, dass die Jünger die Leiblichkeit der Auferstehung verkündigt haben. Hätten sie nur eine geistige Auferstehung verkündigt, wäre es nicht wichtig gewesen, ob sich der Leichnam im Grab befindet oder nicht.

Die ersten Zeugen des leeren Grabes (wie auch des Auferstandenen) waren Frauen. Das ist bemerkenswert, denn das Zeugnis von Frauen galt damals nichts, so der jüdische Theologe Pinchas Lapide. „Das Zeugnis der Frau ist nicht rechtsgültig wegen der Leichtfertigkeit und Dreistigkeit des weiblichen Geschlechts“, schrieb der jüdische Historiker Flavius Josephus (38–100).

Die Frauen benachrichtigten die Jünger über das leere Grab. Die Jünger glaubten ihnen zunächst nicht. Sie hatten genau so wenig mit der Auferstehung gerechnet wie die Frauen, die ja zum Grab gegangen waren, um den Leichnam zu salben. Im leeren Grab befanden sich nur noch die Leinentücher, mit denen der Tote umwickelt war, das Schweißtuch war ordentlich zusammengelegt (Johannes 20,4–7). Hier scheint die Frage berechtigt, ob man einen Toten erst aus den Tüchern wickelt, wenn man ihn aus dem Grab rauben will.

2. Die Begegnungen mit dem Auferstandenen.
Darüber berichten die Schlusskapitel der Evangelien und der Anfang der Apostelgeschichte. Am wichtigsten für Historiker und Theologen ist aber ein Abschnitt aus dem ersten Korintherbrief (15,3–5), der für ein sehr altes (das älteste?) christliches Glaubensbekenntnis gehalten wird. Die Gemeinde wird in diesem Zusammenhang auch daran erinnert, dass Jesus von mehr als 500 Menschen auf einmal gesehen wurde, „von denen die meisten noch heute leben“ (Vers 6). Der 1. Korintherbrief wurde ca. 25 Jahre nach der Kreuzigung  geschrieben. Die Kreuzigung wird von den meisten Historikern auf den 7. April des Jahres 30 datiert. Das Glaubensbekenntnis – wie es im 1. Korintherbrief steht – hat Paulus wahrscheinlich in Damaskus im Jahr 31 oder 32 erhalten, nachdem er sich zu Jesus Christus bekehrt hatte.
Auch der Bericht über die Himmelfahrt von Jesus ist ein Hinweis auf die Leiblichkeit seiner Auferstehung. Das irdische Leben von Jesus endete nicht mit der Grablegung.

3. Die Verwandlung im Leben der Jünger
Nur wenige Wochen nach der Kreuzigung von Jesus haben die vorher so verängstigten Jünger öffentlich in Jerusalem verkündigt, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat – „davon sind wir Zeugen.“ An dieser Aussage hielten sie fest trotz Spott, Verfolgung und Tod. Es gab und gibt zwar immer wieder Menschen, die für etwas, was sie für wahr halten, in den Tod gehen, obwohl es nicht wahr ist. Aber es dürfte kaum vorkommen, dass jemand in den Tod geht für etwas, von dem er weiß („des sind wir Zeugen.“), dass es nicht wahr ist.

Die ersten Jünger kamen aus dem traditionellen Judentum. Innerhalb kurzer Zeit haben sie sich zusätzlich zum Sabbat auch am Sonntag zu gottesdienstlichen Veranstaltungen getroffen (Apostelgeschichte 20,7) – am „ersten Tag der Woche“, dem jüdischen „Montag“. Und obwohl sie aus einer eindeutig monotheistischen Religion kamen, haben sie Jesus als Gott angebetet (1. Korinther 8,6; Philipper 2,6-11; Kolosser 1, 15–20) – einen Gekreuzigten, obwohl es in 5. Mose 21,23 heißt: „Verflucht bei Gott ist, wer am Kreuze hängt.“ Das war ein heftiger Bruch mit ihrer religiösen und gesellschaftlichen Verwurzelung. Das macht man nicht nebenbei. Dieses Verhalten bedarf einer Erklärung. Irgendetwas Revolutionäres hatte sich in ihrem Leben ereignet. Was ist dafür die beste Erklärung?

Autosuggestion und Selbstbetrug oder reale Auferstehung von Jesus? Dazu noch einmal Pinchas Lapide: „Wenn die geschlagene und zermürbte Jüngerschar sich über Nacht in eine siegreiche Glaubensbewegung verwandeln konnte, lediglich auf Grund von Autosuggestion oder Selbstbetrug – ohne ein durchschlagendes Glaubenserlebnis –, so wäre das im Grunde ein weit größeres Wunder als die Auferstehung selbst.“ 

Als ich zu dem Schluss gekommen war, dass die Überlieferung über die Auferstehung von Jesus aus historischer Sicht stimmig ist, wusste ich, dass ich nicht bei einer distanzierten Beschäftigung mit diesem Thema bleiben konnte. So habe ich eines Tages zu dem Jesus gebetet, von dem mein Schulfreund mir sagte, dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat und man mit ihm reden und rechnen kann. So begann mein Leben als Christ.

Dr. Jürgen Spieß, Althistoriker, Gründer und (bis 2015) Leiter des Instituts für Glaube und Wissenschaft in Marburg (iguw.de)

Wir veröffentlichen den Beitrag an dieser Stelle mit freundlicher Genehmigung des Autors. Der Artikel ist zuerst erschienen in Gemeinschaft 4/20 – herausgegeben von Die Apis. Evangelischer Gemeinschaftsverband Württemberg e.V. – zu finden unter https://www.die-apis.de/bibel-und-medien/gemeinschaft-das-magazin/

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