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Ein Mediziner über das Corona-Virus

Wenn die WHO auf ihrer Myth-Busters-Seite1 darauf aufmerksam machen muss, dass sich das Coronavirus nicht über 5G-Mobilfunknetzwerke verbreitet, muss ich schmunzeln. Lustig ist das aber eigentlich nicht. Hinweise wie der, dass man sich nicht einfach selbst testen kann, indem man für länger als 10 Sekunden die Luft anhält, lassen erahnen, wie viele und wie abgedrehte Fehlinformationen im Umlauf sind.

Selbst die WHO musste innerhalb weniger Tage ihre eigene Warnung vor der Einnahme von Ibuprofen wieder zurücknehmen – die zunächst scheinbare Bestätigung einer Sprachnotiz, die aus einem Krankenhaus in Wien stammen sollte und über die sozialen Medien ihren Weg auch auf mein Handy fand. Ich selbst bin Arzt und habe 3 Jahre lang in der Grundlagenforschung gearbeitet – ein Experte für COVID-19 bin ich nicht, trotzdem fällt es mir vor meinem Hintergrund wohl leichter, Informationen zu beurteilen.

Nicht alles glauben

Und hier mein Appell: Nicht alles glauben, was über die sozialen Medien verbreitet wird und stattdessen auf vertrauenswürdige Quellen zurückgreifen. Vielleicht auch ein bisschen überlegen – wenn das Essen von Knoblauch die Erkrankung tatsächlich verhindern könnte, würden unsere Politiker sich sicher nicht in eine Situation bringen, in der sie es nur „verkehrt“ machen können. Läuft alles glatt und unser Gesundheitssystem wird nicht überlastet, so wird es sicher Leute geben, die ihnen vorwerfen, unserer Wirtschaft (und dem Sozialleben) aus übertriebener Vorsicht massiv geschadet zu haben. Und wenn die Maßnahmen nicht ausreichen, wird es von überall her Stimmen geben, die erklären, was man besser machen hätte können.

Ist das Virus gefährlich? Ja, ist es! Auch wenn hohe Todeszahlen bei der Influenzagrippe als Argument gegen die so gravierenden Maßnahmen herangezogen werden, so ist es doch offensichtlich, dass keine der jährlichen Grippewellen je solche Auswirkungen auf Gesundheitssysteme hatte, wie wir das bei unseren Nachbarn in Italien oder auch in New York beobachten konnten. Laut Statistischem Bundesamt sind in den vergangenen Wochen im Vergleich zum selben Zeitraum der letzten Jahre überdurchschnittlich viele Menschen gestorben2. Blickt man auf die Zahlen von anderen europäischen Ländern, so scheinen die getroffenen Maßnahmen Schlimmeres verhindert zu haben.

Lockerungen gerechtfertigt

Obwohl wir die Tatsache im Alltag gerne verdrängen, Sterben gehört irgendwie zu unserem Menschsein dazu und trotzdem – wenn von 100 Patienten, die beatmet werden müssen, 34 Omas, Opas, Ehepartner, Freunde, Geschwister überleben könnten3, so ist es nicht egal, ob Beatmungsplätze verfügbar sind, oder nicht. Bewusst entscheiden zu müssen, wem medizinische Hilfe versagt wird, nur weil die Kapazitäten nicht da sind, ist eines der schlimmsten Szenarien, die ich mir vorstellen könnte. Ist dieser Punkt erreicht, dann stapeln sich die Leichen, wie wir es aus den Nachrichten kennen. Das will keiner erleben – und deswegen wurden drastische Maßnahmen ergriffen.

Je mehr Menschen auf einmal erkranken, desto mehr Menschen – auch wenn der prozentuale Anteil an der Gesamtanzahl der Erkrankten nicht sehr hoch ist – brauchen Intensivbetten, um eine Chance auf Überleben zu haben. Laut den Modellrechnungen der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie, hätte man „davon ausgehen müssen, dass schon im April/Mai weit über 50.000 Intensivbetten benötigt worden wären“4, wären keine Maßnahmen ergriffen worden. Im Moment gibt es in Deutschland nur 32.5785, von denen allerdings mehr als die Hälfte mit Nicht-Corona-Patienten belegt ist.

Das aus meiner Sicht hilfreichste Video zum Verständnis der Situation wurde vor etwa einem Monat auf dem YouTube-Kanal von maiLab veröffentlicht: „Corona geht gerade erst los“6. Eine aktuelle Hochrechnung zeigt allerdings, dass es im Moment keinen Anlass zu der Sorge gibt, dass die Kapazitäten bis Ende Juni ausgelastet werden, es sei denn, es komme doch noch zu einem exponentiellen Anstieg der Fallzahlen7.

Vor diesem Hintergrund sind die aktuellen Lockerungen völlig gerechtfertigt, denn die strikten Maßnahmen zur Reduktion der Ausbreitung des Virus haben massiv negative Auswirkungen – die enorme psychische und wirtschaftliche Belastung liegt auf der Hand. Trotzdem bleibt es ein Spiel mit den Zahlen und so behält sich die Politik vor, bei einem zu starken Anstieg der Neuinfektionen lokal die Notbremse zu ziehen und gegebenenfalls wieder stärkere Einschränkungen zu verhängen8. Hier sind wir gefragt – durch verantwortliches, solidarisches Handeln: Kontakte weiterhin auf das Nötigste Beschränken, Abstand halten, Mund-/Nasenschutz tragen.

Gefährlich für mich?

Ist das Virus für mich gefährlich? Auch wenn die Infektion in etwa vier von fünf Fällen harmlos verläuft, kann das für den Einzelfall keiner genau vorhersagen. Gefährdet sind insbesondere ältere Menschen und solche mit unterschiedlichen Vorerkrankungen9, das geben die Statistiken her. Aus ihnen lassen sich Rückschlüsse für ganze Menschengruppen ziehen, nicht jedoch für eine bestimmte Person.

Mit steigenden Infektionszahlen wird immer deutlicher, dass neben der Lunge auch andere Organe betroffen sein können: auch von Auswirkungen auf das Nervensystem (v.a. Geruchs- und Geschmackssinn)10, Nierenentzündungen11 und dem Absterben von Darmanteilen12 wird berichtet. Grund zu übertriebener Sorge ist das nicht, darf und soll aber Anlass zu einem vernünftigen Umgang mit der Situation geben. Im Vordergrund der Überlegungen steht für die meisten von uns der Schutz von anderen, ein Prinzip, hinter dem ich als Christ mit voller Überzeugung stehen kann. Und wenn sich aufgrund von allgemeiner Solidarität Einschränkungen wie in den letzten Wochen für große Teile Deutschlands vermeiden lassen, freue ich mich umso mehr.

Wie lange noch?

Wie lange? Auch wenn weltweit Milliarden investiert werden, um wirksame Medikamente ausfindig zu machen und einen Impfstoff zu entwickeln, wurde bis jetzt noch kein Wirkstoff identifiziert, mit dem sich die Infektion verhindern oder behandeln lässt, und auch ein für die breite Masse verfügbares Impfpräparat wird noch auf sich warten lassen. Im Normalfall dauert die Entwicklung eines neuen Impfstoffes mehr als 10 Jahre13, sodass es selbst bei den außerordentlichen Bemühungen, die im Moment laufen, schon fast an ein Wunder grenzen würde, wenn ein solches bereits Ende des Jahres verfügbar wäre. Und selbst wenn das der Fall wäre, hieße das noch nicht, dass die Gefahr aus der Welt geschafft wäre: Es zeichnet sich bereits ab, dass sich das Virus genetisch verändern kann14. Wie sich das auswirken könnte, ist im Moment noch nicht abzusehen.

Beim Influenzavirus beispielsweise können Mutationen sehr leicht entstehen, wodurch der Impfstoff jeden Winter neu angepasst werden muss15. Dass man nicht darauf warten kann, bis in diesem Bereich alles in trockenen Tüchern ist, liegt nahe, und so wird gerade mit Hochdruck an alternativen Ansätzen gearbeitet, die ein annähernd normales Alltagsleben erlauben und die Ansteckungszahlen trotzdem auf einem für das Gesundheitssystem tragbaren Niveau halten. Um das zu ermöglichen, ist es wichtig, Infektionsketten nachzuvollziehen. Was vor den Kontaktbeschränkungen schlichtweg nicht mehr möglich war, scheint aufgrund der jetzt wieder deutlich geringeren Zahl an täglichen Neuinfektionen und der gesteigerten Testkapazitäten in greifbarer Nähe. Unterstützen soll dabei eine App fürs Smartphone16, die auf freiwilliger Basis Nutzer über den Kontakt zu Infizierten informieren soll. Dass wir Masken und Abstandsregeln bald wieder loswerden, scheint unrealistisch, alles andere hängt maßgeblich von dem Verhalten der Gesellschaft ab. Begleiten wird uns das Thema noch lange. Wie lange, das weiß keiner.

Aus der Situation lernen

Was kann ich aus der Situation lernen? Auch wenn die Corona-Krise – zumindest hierzulande – die schlimmste gesellschaftliche und wirtschaftliche Krise ist, mit der die meisten von uns zu Lebzeiten je konfrontiert wurden, zeigt sie doch wichtige Punkte auf, die mich zum Nachdenken bringen und auch dann noch relevant sein werden, wenn alles wieder vorbei ist.

Unser Leben ist geprägt von Vertrauensfragen, auch wenn wir oft nicht allzu sehr darüber nachdenken. Wenn ich bei Grün über die Ampel fahre, vertraue ich darauf, dass die Verkehrsteilnehmer, die Rot sehen, stehen bleiben. Wenn ich in die Arbeitslosenversicherung einzahle, vertraue ich darauf, dass sie mich auffängt, wenn ich meinen Job verliere. Und wenn ich Politikern meine Stimme gebe, vertraue ich darauf, dass sie Entscheidungen zum Wohle der Bevölkerung tragen.

Eine Sache des Vertrauens

Aber ist die Entscheidung wirklich die beste? Was wäre eigentlich, wenn die Rücklagen der Versicherungen (und des Staates) aufgebraucht würden. Und was, wenn Autofahrer bei Rot nicht mehr stehen bleiben? Ich bin Gott sehr dankbar dafür, dass ich in einem Land leben darf, wo ich mir bei grünen Ampeln keine großen Gedanken machen muss und auch, dass es uns trotz dieser Krise so gut geht. Man muss zwar anstehen, kann aber immer noch alles kaufen (mittlerweile ist auch Klopapier kein Problem mehr) und wenn ich krank bin, zahlt meine Versicherung weiterhin. Im Gegenteil zu vielen Menschen in anderen Teilen der Welt geht es mir immer noch extrem gut. Alles, was von mir gefordert wird, ist es, mich zum Wohle anderer einzuschränken. Das tut an manchen Stellen weh, aber beklagen kann ich mich nicht, vor allem jetzt, wo die Regelungen wieder lockerer werden.

Trotzdem wird in dieser Krise deutlich: Alle diese Dinge, auf die wir vertrauen, geben keine einhundertprozentige Sicherheit. Angesichts der aktuellen Entwicklungen bin ich, was Deutschland angeht, sehr zuversichtlich, aber für mein Leben wünsche ich mir etwas, was wirklich krisensicher ist und nicht von Menschen abhängt, die sich irren können, vielleicht mal falsch entscheiden, Schlüsse aus Statistiken ziehen müssen, rote Ampeln übersehen könnten. Die Frage also: Worauf vertraue ich?

Nicht alles im Griff

Ein zweiter Aspekt, der mir in den letzten Wochen deutlich geworden ist der: Wenn ein so ein kleines Virus die ganze Menschheit so erschüttern kann, zeigt das, wie beschränkt wir bei all unserem Fortschritt doch immer noch sind. Ich glaube nicht, dass die Römer am Höhepunkt ihres Imperiums je damit gerechnet hätten, dass ihre Sprache irgendwann – von ein paar Ausnahmen abgesehen – nur noch als „Geheimsprache“ für Mediziner relevant sein würde – und im Lateinunterricht.

In den letzten 75 Jahren hat es sich immer mehr so angefühlt, als hätten wir alles im Griff. Wir konnten und können immer mehr erklären, aber jetzt zeigt sich: Erklärungen sind nicht immer auch Lösungen. Obwohl wir wissen, wie Coronaviren aussehen und wie sie prinzipiell funktionieren – sie sind seit den 1960er Jahren bekannt17 – können wir nur hoffen, dass irgendwann ein Bruchstück oder ein verändertes Exemplar von COVID-19 unser Immunsystem so beeinflusst, dass wir vor der Erkrankung geschützt sind. Und dass bald nicht wieder irgendein Virus die Welt in Atem hält. Die Frage also: Wem vertraue ich?

Der vertrauenswürdig ist

In der Bibel wird uns Gott als derjenige vorgestellt, der Himmel und Erde gemacht hat. Als derjenige, der all die faszinierenden Zusammenhänge, die wir als Naturwissenschaftler beobachten und beschreiben können, erfunden hat. Als derjenige, der, anders als Menschen, in seinem Verständnis und auch in seiner Einflussmöglichkeit nicht eingeschränkt ist. Als derjenige, der keine falschen Entscheidungen trifft und seinem Wort treu ist. Der, wenn er sagt, dass etwas falsch ist, dabei bleibt und auch, wenn etwas richtig ist, das genau so meint.

Und er ist derjenige, der uns so sehr liebt, dass er, obwohl wir ihm den Rücken zugekehrt haben, seinen Sohn, Jesus Christus, als Preis dafür gegeben hat, damit für jeden, der das annimmt, die Schuld bezahlt ist. Er verspricht nicht, dass wir als Christen von jeder Krise verschont werden, aber lässt diejenigen, die ihn lieben, wissen, dass alle Dinge ihnen zum Besten dienen und dass nichts und niemand sie von seiner Liebe trennen kann. Auch nicht der Tod. Und das ist die Hoffnung, die wir haben: Nicht, dass hier alles glatt läuft, sondern dass er uns trotz Schwierigkeiten und Krisen ans Ziel bringt. In seine Gegenwart, wo kein Leid, keine Schuld, kein schädlicher Virus bestehen kann und auch wir nicht bestehen könnten, wäre Jesus nicht für uns gestorben.

Kommentar: Der Artikel beruht auf dem Wissensstand vom 14. Mai 2020

1https://www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019/advice-for-public/myth-busters (abgerufen am 07.05.20)

2 https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/sw/COVID-19?s=&p=1&n=1&nid=112697 (abgerufen am 14.05.20)

3https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/111973/COVID-19-Hohes-Sterberisiko-trotz-maschineller-Beatmung (abgerufen am 07.05.20)

4https://www.dgepi.de/assets/2.Stellungnahme_SARS-CoV-2_DGEpi_20200427.pdf (abgerufen am 07.05.20)

5https://www.intensivregister.de/#/intensivregister (abgerufen am 14.05.20, Stand 15:00 Uhr)

6https://www.youtube.com/watch?v=3z0gnXgK8Do&t=477s (abgerufen am 08.05.20)

7 https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/sw/COVID-19?s=intensivbetten&p=1&n=1&aid=213643 (abgerufen am 14.05.20)

8 https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/sw/COVID-19?s=&p=1&n=1&nid=112741 (abgerufen am 14.05.20)

9https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Risikogruppen.html (abgerufen am 14.05.20)

10https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/sw/COVID-19?s=&p=1&n=1&aid=213869 (abgerufen am 14.05.20)

11https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(20)31041-2/fulltext (abgerufen am 14.05.20)

12https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/sw/COVID-19?s=&p=1&n=1&nid=112811 (abgerufen am 14.05.20)

13https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/112554/Politik-daempft-Erwartungen-bei-Impfstoffentwicklung (abgerufen am 14.05.20)

14https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/sw/COVID-19?s=&p=1&n=1&nid=112655 (abgerufen am 14.05.20)

15https://www.rki.de/SharedDocs/FAQ/Influenza/FAQ21.html (abgerufen am 14.05.20)

16https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/sw/COVID-19?s=&p=1&n=1&nid=112710 (abgerufen am 14.05.20)

17https://journals.lww.com/pidj/Fulltext/2005/11001/History_and_Recent_Advances_in_Coronavirus.12.aspx (abgerufen am 14.05.20)

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