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Gemeinsam einsam – eine Dramaturgie über den sozialen Rückzug

Stille umgibt uns derzeit allumfassend. Die Straßen sind still, die Cafés sind leer und die Hektik der Zeit weicht dem beklemmenden Gefühl des Alleingelassenseins. Corona verdammt uns zum sozialen Rückzug und teilweise auch zur Langeweile. Für uns schwer zu ertragen. Ich möchte in diesem Essay einen Aspekt des aktuellen Lebens beleuchten: die damit einherschlendernde Einsamkeit, mittlerweile mehr Normalität als Besonderheit.

Ich arbeite auf einer Intensivstation. Wenn bei uns die Beatmungsmaschine ausgestellt wird, dann sind wir Ärzte die einzige Brücke zu den Angehörigen. Diese dürfen ihre Lieben nicht mehr sehen, die Leiche wird verschweißt und desinfiziert dem Bestattungsinstitut übergeben. Selbst am Grab weicht dem Abschiednehmen ein: Wer darf hier dabei sein? In unserem Landkreis sind es nur drei Menschen, die am Grab stehen dürfen, in gebührendem Abstand versteht sich. Zurück bleiben die Ehepartner, die in ihrer Trauer alleine gelassen werden. Die Frage: Darf ich meinen Vater nochmal sehen, stellt sich nicht. Nein, dürfen Sie nicht.

Aber wir müssen uns nicht an die Gräber deutscher Lande stellen, um dieses Alleinegelassen nachzuvollziehen zu können. Es ist die Alleinerziehende, die jetzt drei ihrer nörgelnden Bälger zu Hause hat, und kaum den Tag erwarten kann, dass sie endlich wieder raus darf. Wenn das Homeoffice ist, dann bitte wieder ohne Virus. Oder der Städter, der in seiner 2-Zimmer-Wohnung eingeschlossen ist, ohne Balkon und Garten. Es sind die vielen Opas und Omas, deren Partner schon früher verstorben sind. Sie sind alleine. Alleinstehende bleiben alleine, getindert wird wenig, und bis wir wieder auf größere Veranstaltungen dürfen, wird noch eine lange Zeit vergehen. 

Alleinsein und Einsamkeit – die Unterschiede

Aus seelsorgerlicher Sicht muss man zwei Dinge unterscheiden: Einsamkeit ist nicht gleich Alleinsein. Alleine sind wir zunächst einmal alle, und dieses Alleinsein bietet sogar Möglichkeiten der Selbstreflexion, die sonst unter dem hektischen Treiben, der Unterhaltung oder der Strebsamkeit verschüttet werden. Alleinsein kann sogar ziemlich gut sein.

Einsamkeit hingegen ist nicht nur die räumliche Trennung von lieben Menschen, sondern kann auch in Lebenssituationen mit vielen persönlichen Kontakten auftreten, zum Beispiel durch Ausgrenzung und Unverständnis. Das Gefühl ist das Resultat einer seelischen Trennung zur Außenwelt, obwohl wir vielleicht soziale Kontakte haben. 

Nutze dein Alleinsein

So muss man auch immer trennen zwischen dem vorübergehenden Alleinsein und der seelisch tiefergreifenden Einsamkeit. Nur weil Unterhaltung, Hektik und Erlebnis wegfallen, heißt das nicht, dass wir direkt einsam sind. Wir ertragen lediglich die Einöde schwer, weil wir uns plötzlich über Dinge Gedanken machen müssen, die wir sonst vielleicht „betäuben.“ Es kommen Gedanken über uns selbst hoch, die wir unter normalen Umständen nach Möglichkeit verdrängen. Der Christ hingegen ist ein Mensch, der Gedanken über sich selbst, die Welt und zum Beispiel das Sterben erträgt. Jesus selbst zog sich immer wieder in einsame Gegenden zurück, wenn ihm der Rummel des Lebens zu viel wurde. In Lukas 5 heißt es zum Beispiel: 

Darauf verbreitete sich die Nachricht von Jesus noch mehr. Scharenweise kamen die Menschen, um ihn zu hören und sich von ihren Krankheiten heilen zu lassen. Aber Jesus zog sich zurück und hielt sich in einsamen Gegenden auf, um zu beten.

Lukas 5,15–16

Jesus suchte die Einsamkeit, um zu beten, um sich dem täglichen Wahnsinn eines Lebens als Star zu entziehen. Er nutzte die Einsamkeit zum Gebet, vielleicht auch zur Reflexion, er begab sich in die Gegenwart des Vaters. Ich glaube viele Menschen, die sagen, sie sind einsam, ertragen zunächst einmal nicht die Langeweile und die damit verbundenen Gedanken. Deswegen wäre meine Frage an dich, wenn du sagst, dass du einsam bist, zunächst einmal: Bist du wirklich einsam, oder brauchst du nur moderne Betäubungsmittel wie Unterhaltung, Sex oder soziales Miteinander, um die Gedanken über dein eigenes Leben zu verdrängen? Nutze dein Alleinsein, um dir Gedanken zu machen: Was ist dein Weg? Was kommt nach dem Tod? Welche Ängste habe ich und kann ich besiegen?

Einsamkeit – ein Problem der Gottesferne

Die Einsamkeit hingegen ist ein viel tieferliegendes Problem. Es ist nicht nur die räumliche Trennung zu Menschen, und hat sogar generell nichts mit dem Eingebundensein in eine Gemeinschaft zu tun oder mit Beziehungen. Denn nicht umsonst haben viele Menschen, die rein objektiv gesunde Beziehungen haben, anerkannt oder sogar Stars sind, Gefühle der Einsamkeit. Du kannst viele Freunde haben und einsam sein. Was ist die Einsamkeit also dann?

Einsame Menschen beschreiben oft ein Gefühl der inneren Leere. Sie erzählen (meist in anderen Worten) von einem fröstelnden Gefühl des Ungeliebtseins. Sie fühlen sich unverstanden, dieses Wort ist ein Alarmzeichen beim Umgang mit einsamen Menschen. Sie werden von vielen Menschen in eine Ecke gesteckt, in der sie nicht sein möchten. Die Bibel definiert Einsamkeit genau gleich, setzt dem Ganzen aber noch eine entscheidende Komponente hinzu. Einsam ist der Mensch, der die innere Leere spürt, weil er Gott nicht mehr als Gegenüber hat. Es ist quasi jemand, der im Alleinsein (wie oben beschrieben) die Gedanken über sich selbst zugelassen hat, aber keine Antwort auf die Fragen seines Ichs findet. Deswegen habe ich oben geschrieben: Der Christ ist derjenige, der die Gedanken über sich selbst erträgt. In Jeremia 17 sagt Gott zu uns:

Ich, der HERR, sage: Mein Fluch lastet auf dem, der sich von mir abwendet, seine Hoffnung auf Menschen setzt und nur auf menschliche Kraft vertraut. Er ist wie ein kahler Strauch in der Wüste, der vergeblich auf Regen wartet. Er steht in einem dürren, unfruchtbaren Land, wo niemand wohnt. Doch ich segne jeden, der seine Hoffnung auf mich, den HERRN, setzt und mir ganz vertraut. Er ist wie ein Baum, der nah am Bach gepflanzt ist und seine Wurzeln zum Wasser streckt: Die Hitze fürchtet er nicht, denn seine Blätter bleiben grün. Auch wenn ein trockenes Jahr kommt, sorgt er sich nicht, sondern trägt Jahr für Jahr Frucht. Nichts ist so trügerisch wie das menschliche Herz, es ist unheilbar krank. Wer kann es ergründen? Ich, der HERR, durchschaue es.

Jeremia 17,5–10

Ein Mensch, der nicht auf Gott vertraut, der gleicht einem Baum in der Wüste ohne Wasser: Er wird einsam. Er findet keine Antworten von Substanz auf die Fragen des Alleinseins. Er weiß nicht wohin er geht, er hat Angst vor dem sinnlosen Verblassen auf dieser Erde. Und genau in diesem Bewusstsein müssen wir uns auch ständig betäuben mit allem Möglichen, damit diese Fragen des Seins gar nicht erst aufkommen. Einsamkeit ist die reale Gefahr der Gottesferne.

Der gläubige Christ hingegen, der ganz auf Gott vertraut, ist wie ein Baum an Wasserbächen. Er braucht nicht die Dürre (also die Einsamkeit) fürchten, oder die trockenen Tage, weil er einen Sinn gefunden hat. Er hat Gott als Gegenüber. Er sieht fruchtbare Tage. Das ist das Angebot Gottes in der Einsamkeit: Komm zu mir, ich ergründe und erforsche dein Herz und gebe dir die Antworten, die du für dein Leben brauchst.

Nutzen wir das Alleinsein der Corona-Zeit, um uns die richtigen Fragen zu stellen. Welchen Sinn hat das Leben? Was gibt mir Halt, wenn alle um mich herum sterben würden? Brauche ich die Hektik meines Alltags, um mich zu betäuben? Ich hoffe für dich, du findest die richtigen Antworten. Suche sie zuerst bei Gott, denn er kann dein Herz ergründen. 

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