Kirche Ostern Corona Pandemie Isolation Einsamkeit Hoffnung Jesus Gott Bibel

„Ich vermisse euch alle!“ Kirche in Corona-Zeiten

Frühling 2020: Vorne steht ein Prediger, doch die Kirche ist leer. Man könnte meinen: Jetzt sterben die Gemeinden erst recht aus. Aber nicht ganz, denn an vielen Orten ist das Gegenteil der Fall. Gerade jetzt erwachen viele Kirchen besonders zum Leben. Wie sieht Gemeindeleben in Corona-Zeiten aus?

Zunächst einmal: Vor 20 Jahren hätte es das noch nicht gegeben. Die Technik macht’s möglich. Gottesdienste finden jetzt einfach online statt, per Videokonferenz. Manches ist gewöhnungsbedürftig. Die Musik scheppert etwas. Aber es funktionert. Alleine zuhause mitsingen, vor dem Computer, das hat auch etwas Kurioses, etwas Schönes.

Gottesdienst als Videokonferenz

Eine Online-Predigt? Das ist kein Problem. Für den Prediger mag es seltsam sein, nur vor einer Webcam zu sprechen. Für die Zuhörer aber ist es fast wie eine „echte“ Predigt. Die Kinder können nun sogar dabei sein, ohne leise sein zu müssen – ein klarer Vorteil.

Über eine Videokonferenz gemeinsam beten? Auch das geht! Zumindest so lange das Mikro an ist… Hier sammelt der ein oder andere noch Erfahrungen. Auch kann es passieren, dass eigentlich schon jemand betet, ein anderer das aber nicht mitbekommt, und laut selbst zu beten beginnt. 

Besucherzahlen steigen

Es ist interessant: Die Besucherzahlen sind spürbar nach oben gegangen. Mehr sind digital anwesend als sonst in „echten“ Gottesdiensten. Gerade die Gebetsabende erleben eine enorme Steigerung. Und so hört man es von vielen anderen Kirchen und Gemeinden. Ja, die Menschen haben nun mehr Zeit. Aber viele spüren sicherlich auch stärker als sonst, dass sie Gott brauchen. Und wir einander brauchen.

Kaffee trinken nach dem Online-Gottesdienst? Auch das ist möglich. Viele bleiben nach dem „offiziellen“ Teil noch in der Konferenz. Der eine ohne, die andere mit Kaffee. Einer führt uns per Video in seine Küche und präsentiert seine Siebträgermaschine. In der „Kaffee-Runde“ erkundigt man sich: Wie geht es dir, alleine in deiner Eineinhalbzimmer-Wohnung? Was macht dein Geschäft, jetzt wo keiner mehr Taxi fährt? Dem einen tut der Rücken weh, Home Office lässt grüßen. Wir organisieren ihm einen besseren Bürostuhl. Eine andere arbeitet im Krankenhaus. Sie erzählt, dass sie vielleicht zur „Corona-Front“ abbestellt wird und bittet um Gebet. Jemand fragt: Hat jemand was von der älteren Frau gehört, die unsere Gottesdienste gelegentlich besucht, telefonisch aber nicht zu erreichen ist? Keiner weiß was, bis schließlich ihr Nachbar aufgesucht wird, und wir leider von ihrem Krankenhausaufenthalt erfahren.

Wie im echten Leben verlassen die Leute langsam die Kaffee-Runde. Einer nach dem anderen geht, manche mit, manche ohne Verabschiedung. Zwei, drei Hartgesottene bleiben noch bis zum Schluss, bis es auch hier heißt: War schön, bis zum nächsten Mal!

Online auch unter der Woche

Auch unter der Woche ist etwas geboten. Wer will, kann dabei sein. Jeden Tag gibt es am späten Vormittag eine kurze Andacht mit Gebet füreinander, auch das als Videokonferenz. Ein paar trudeln jeden Tag ein. Nach 20 Minuten ist alles schon wieder vorbei und der Alltag geht weiter. 

Auch die Kleingruppen am Mittwochabend sind ins Internet verlegt. Da kann man sich auch mal das Leid klagen, wie anstrengend es gerade mit „Home Schooling“ ist. Oder wie einen das übermäßige Zuhause sein so langsam zu nerven beginnt.

Die Eltern tauschen sich unter der Woche im Chat aus: Wie verbringt ihr die Zeit mit den Kindern? Es werden Bastelanleitungen für Vogelhäuschen verschickt, Fotos von beklebten Ostereiern werden gepostet. Zwei Mädels nehmen mit ihrer Mama ein Video des einstudierten Fingertheaters auf, die anderen sind entzückt. Eine andere komponiert ihr eigenes Kinderlied, das sie aufnimmt und bei manchem in Kürze zum penetranten Ohrwurm wird. Sogar Vorlesen kann man online. Ein paar organisieren eine tägliche Online-Vorlesegeschichte für Kinder, gesendet regelmäßig wie das Sandmännchen.

Ermutigung digital

Ansonsten funktioniert auch Ermutigung digital. Es wird eine eigene Chatgruppe „Corona-Ermutigung“ eingerichtet. Jeder kann posten, was ihn gerade gefreut oder ermutigt hat. Einer postet die Bayernhymne, die zur Zeit einen gewissen Hype erfährt und von einem Radiosender täglich um 17 Uhr gesendet wird. Es ist ein Gebet, „Gott mit dir, du Land der Bayern …“. Eine erzählt von ihrer Entdeckung in ihrer heutigen Bibellese. Alles hat seine Zeit – so berichtet es das biblische Buch „Prediger“. Unsere Freundin zitiert daraus die in der Corona-Zeit vielsagenden Worte:

Umarmen hat seine Zeit, und vom Umarmen Fernbleiben hat seine Zeit.

Prediger 3,5

Jemand fasst es während der Kaffee-Runde nach dem Online-Gottesdienst treffend zusammen, als er ein wenig wehmütig sagt: „Ich vermisse euch alle!“ Ja, das spricht vielen aus der Seele.

Wir merken, dass Gemeinde keine Institution ist. Es geht nicht um ein Gebäude – wir kommen auch ohne es zurecht. Es geht nicht um formalisierte Treffen – auch das ist nicht das Entscheidende. Diese Krise zeigt, was Gemeinde wirklich ist: Hier ist etwas Lebendiges. Hier sind Beziehungen, hier ist Liebe und Anteilnahme. Hier ist etwas Göttliches.

Share on whatsapp
Share on email
Share on facebook
Share on twitter