Warum schützen wir die Alten?

Besonders für ältere Menschen ist Corona gefährlich. Deshalb müssen wir sie besonders schützen. Aber warum eigentlich? Worin liegt ihr Wert?

In diesen Tagen hört man teils offen, teils hinter vorgehaltener Hand: „Ist es das wirklich wert? Wollen wir unzählige Jobs, ja die gesamte Wirtschaft riskieren, nur um das Leben einiger älterer Menschen zu retten?“ Man hört, sie hätten das Leben ohnehin schon hinter sich. Zu viele Menschen gebe es auf der Erde sowieso.

Doch wie man die Gedanken hört, wird einem schon unwohl – wieso eigentlich? Worin liegt der Wert älterer oder schwacher Menschen? Woher überhaupt nimmt der Mensch seinen Wert? Im Laufe der Jahrhunderte wurden dazu verschiedene Antworten vorgeschlagen.

Der Mensch ist das wert, was er leistet

Zuallererst könnte man den Wert eines Menschen an seiner Leistung festmachen. So funktioniert das Geschäfts- und Berufsleben: Wir bezahlen den Friseur, weil wir einen Haarschnitt erhalten. Wir beziehen Lohn, weil wir dafür unsere Arbeitsleistung anbieten. Es ist ein Handel aus Geben und Nehmen. Zum Wert des Menschen würde dies bedeuten: Ein Mensch ist von Wert, weil er einen Beitrag zur Gesellschaft leistet.

Jedoch können die meisten Älteren keine derartige Leistung mehr vorweisen. Ein weiteres Prinzip liegt auf der Hand. Den Wert der Älteren könnte man mit ihrer vergangenen Leistung erklären, ähnlich funktioniert unser Rentensystem: Weil sie früher ihren Teil beigetragen haben, versorgen wir sie heute. Zu seiner Zeit haben sie auch für die damals Älteren gesorgt.

Aber was gilt für Menschen, die zur Allgemeinheit niemals eine angemessene Leistung beitragen können – weder heute noch in früheren Zeiten? 

Wertvoll, nur weil er Mensch ist

Die gewöhnliche Haltung hierzu ist: Der Wert eines Menschen liegt bereits in ihm, nur weil er Mensch ist. Dies ist der Anker für eine menschliche Gesellschaft, die wir uns wünschen. Hier liegt die Rettung aus der Rechtfertigungsmaschinerie, in der ein Mensch seinen Wert erarbeiten muss. 

Auch diese Frage ruft nach einer Antwort: Ist es tatsächlich so, dass der Mensch einen „innewohnenden“ Wert hat? Und wenn ja wieso?

Mehrere Ansätze mit unterschiedlichen Antworten lassen sich finden.

Eine Antwort, die vorgebracht wird, ist: Der hohe Wert des Menschen ist einfach ein Fakt, eine moralische Tatsache, ohne weitere Begründung. Warum das so ist, wird nicht erklärt. Besonders tragfähig scheint die „es ist einfach so“-Antwort nicht zu sein.

Man einigt sich auf den Wert

Ein zweiter Vorschlag lautet: Wir Menschen einigen uns auf den Wert des Menschen. Wir legen seinen hohen Wert fest, quasi per Vertrag miteinander. Doch wie sicher ist dieser Ansatz? Menschen könnten ihre Verträge ändern. Sie könnten sich darauf einigen, dass der vereinbarte Wert auf gewisse Menschen nicht mehr zutrifft. Vielleicht, weil sie Einzelnen oder der Gesellschaft Schaden zufügen, vielleicht weil sie der Gesellschaft keinen Nutzen mehr bringen. Ausnahmen könnte man genügend finden.

Der Mensch als Geschöpf Gottes

Eine dritte Antwort zum Wert des Menschen liefert eine „religiöse“ Perspektive: Verschiedene Glaubenssysteme bezeugen, dass es einen Gott gibt, der Ursprung von allem ist. Von Ihm, dem Schöpfer, stammt die Schöpfung. Auch der Mensch ist ein Geschöpf Gottes. Daraus ergibt sich ein Wert, in ähnlicher Weise wie ein Werk eines großen Künstlers per se bereits einen Wert besitzt. Der christliche Glaube bezeugt, dass der Mensch unter den Geschöpfen ein herausgehobenes ist. Er ist nämlich im Ebenbild Gottes geschaffen. In dieser Ebenbildlichkeit Gottes liegt die besondere Stellung und der große Wert des Menschen.

Was uns die Vergangenheit lehrt

Mehrere Ansätze, mehrere Optionen. Die Geschichte zeigt uns Auswirkungen, die daraus entstehen können. Im Deutschland des Dritten Reiches wurde Menschen mit Behinderung zunehmend ihr Wert aberkannt. Sie wurden schließlich systematisch erfasst und bald darauf getötet. Der Klassiker „Im Tal der Liebe“ (Edna Hong) erzählt dazu herzerwärmend die Geschichte des schwerstbehinderten Günthers, der dank des Einsatzes des Pfarrers Bodelschwingh seiner Tötung entging.

Nach dem Krieg und dem Ende der Nazi-Herrschaft waren die Kirchen voll. Die Menschen wussten, wie sehr die nationalsozialistische Elite Gott verachtete und sich des Christentums entledigen wollte. Und sicherlich erkannten die Menschen, dass viele Gräuel im Rückblick nur zu verantworten waren, weil Gott keine Beachtung fand. Eindrücklich dokumentieren uns dies die ersten Worte der bayerischen Verfassung. Sie entstand 1946, ein Jahr nach Ende des Krieges:

Angesichts des Trümmerfeldes, zu dem eine Staats- und Gesellschaftsordnung ohne Gott, ohne Gewissen und ohne Achtung vor der Würde des Menschen die Überlebenden des zweiten Weltkrieges geführt hat […] 

Verfassung des Freistaates Bayern

Mehrere Möglichkeiten

Zusammenfassend stehen wir vor zumindest drei Möglichkeiten auf die Frage, was ein Mensch wert ist:

Erstens, der Mensch ist das wert, was er leistet. Eine deprimierende Haltung, die grausam enden kann für die Schwachen unter uns. Zweitens, die Menschen einigen sich auf den Wert des Menschen. Ein eher wackeliger Ansatz, denn Meinungen ändern sich. Drittens, der Mensch ist Gottes Geschöpf und Ebenbild, und erhält von Ihm seinen Wert. Eine absolute Aussage, an der niemand rütteln kann.

Für viele ist tief im Inneren klar: Jeder Mensch hat einen Wert, einfach weil er Mensch ist. Und doch sieht manch einer nicht warum. Kann es sein, dass es diese Klarheit gibt, weil es einen Gott gibt? Weil Gott, der Schöpfer, existiert – was auch immer die Menschen glauben?

Der Wert des Menschen ist somit ein verstecktes Argument für Gott.

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